Corona, Ukraine, Klima – was macht das mit eurer Agentur?
Lockdowns, Kontaktverbote, Homeoffice-Pflicht: Die Corona-Pandemie hat unser Leben geprägt und die Arbeitswelt über Nacht auf den Kopf gestellt. Auch der Ukraine-Krieg und die Klimakrise wirken sich auf alle Lebensbereiche aus. Aber wie kriegt man es hin, flexibel auf Krisen zu reagieren ohne dabei die Balance zu verlieren? Wir haben unsere Agency-Life-Teilnehmer:innen gefragt, was sich durch die aktuellen Ereignisse in ihren Agenturen verändert hat, wie man stabil bleibt, wenn alles anders kommt als geplant und was sie von der Zukunft erwarten.
Das Soziale verliert. Wir haben auch in der Corona-Zeit eine psychologische Sprechstunde eingeführt bei uns im Team. Alle sind in Kurzarbeit, die Marketingbudgets brechen weg und wir lösen uns von unseren Ex-Arbeitgebern und gründen was Neues. Dass man super digital zusammenarbeiten kann, dass man trotzdem tolle Kreationen auf die Beine stellt oder den Kunden toll beraten kann und dass da viel geht. Also es war auch ein Kopföffner. Und so nach einem Jahr merkst du, dir geht die Kultur tatsächlich so ein bisschen flöten. Weil bei allem, wir machen auch Chemistry Meetings und sitzen alle mit einem Glas Wein so vor der Webcam, das ist so überschaubar spannend irgendwann.
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Heute mit einem eher weniger schönen und dennoch so wichtigen Thema. Als Dienstleister ist man als Agentur immer wieder von Bewegung in der Umwelt geprägt und kann sich nicht von ihr abkapseln. Wie stark dieser Einfluss sein kann, haben wir alle in den vergangenen Jahren erleben müssen. Und die Corona-Krise war ja im Prinzip nur der Anfang beziehungsweise ist dicht gefolgt von den Konflikten in der Ukraine und den Auswirkungen der Inflation. Keine leichte Situation für Agenturen, die stark abhängig von Budgets und Co. der Partner oder Kunden sind.
Absolut. Annalena spricht deswegen mit unseren Expertinnen über die Entwicklung der letzten Jahre und die individuellen Erfahrungen, Rückschläge, aber auch Learnings durch die Krisenzeit. Wir geben rüber. Viel Spaß.
Wir fangen mal mit der, ja, es ist nicht mehr die aktuellste Krise, aber eine, die immer noch aktuell ist. Was hat Corona mit eurem Geschäft gemacht? Dennis, Corona und BrinkertLück.
Ja, das ist eine Story, die gehört zusammen, denn wir haben ja während der Corona-Pandemie gegründet. Also, wir haben am 1.1.2021 unsere Agentur eröffnet, ohne dass es Räume gab. Alle Bewerbungsprozesse mussten digital stattfinden. Wir haben unsere eigenen Leute das erste Mal nach sechs, sieben Monaten in echt physisch vor Augen gehabt. Also, die Story gehört zur Agentur mit dazu und auch zu der Art und Weise, wie wir uns entwickelt haben.
Also, ich will nicht sagen, dass Corona, das klingt schon nach einem Grauen, aber zumindest war es für uns ein Treiber und auch ein Ermöglicher, uns so zu gründen, wie wir uns gegründet haben.
Ihr habt euch ja zwischen Zürich und Hamburg gegründet, ne?
Genau, genau.
Okay, und das hättet ihr vorher sonst so nicht gemacht?
Nee, definitiv nicht, weil wir haben ja schon Jahre darüber geredet, mal zusammen eine Agentur zu gründen. Und es scheiterte immer daran, dass Raphael gesagt hat, er bleibt in Hamburg. Und es scheiterte immer daran, dass ich gesagt habe, ich liebe die Schweiz, ich gehe hier nicht weg. Und plötzlich hat man dann so gemerkt, oh, das geht ja über die Distanz eigentlich irgendwie ganz gut, ist ja problemlos. Jetzt haben wir es gelernt, wie es geht. Wir können ein gutes Modell aufziehen.
Und als so dieser Satz da war, dann lass doch sofort mit zwei Standorten an den Start gehen, und das war der Moment, wo wir gesagt haben, jawohl, super, genauso machen wir es. Und wir ziehen das jetzt in dieser Krise hoch. Wir sehen das sogar als Chance, genau jetzt zu machen. Weil welche Dussel gründen jetzt in der Zeit neu? Alle sind in Kurzarbeit, die Marketingbudgets brechen weg und wir lösen uns von unseren Ex-Arbeitgebern und gründen was Neues. Und das war für uns, war das ehrlicherweise genau das Momentum, was wir gebraucht haben und für uns gut nutzen konnten.
Ja, hat ja funktioniert. Wir gucken mal weiter. Chris, was hat Corona mit den Freunden des Hauses angestellt?
Viel, ich glaube wie bei vielen. Bei den Freunden des Hauses ist es so, wir haben sehr schöne Räumlichkeiten. Wir sind mitten in Hamburg, die Agenturräume sind in einer langen Reihe. Das ist alles sehr, sehr schön und liebevoll eingerichtet und da hat sehr viel stattgefunden. Also die berühmt-berüchtigte Kaffeemaschine in der Mitte, wo man sich trifft, wo man dann nochmal den Schnack hält. Die ganzen Räumlichkeiten sind schon so ausgerichtet, dass es auch Begegnungen gibt und das berühmte Kickerturnier und was nicht alles. Also da wird auch immer noch oft drüber gesprochen nach dem Motto, man, wir haben jetzt lange nicht miteinander gefeiert und das Zusammenkommen.
Und es gab auch Fälle von jungen Kolleginnen im Sinne von, das Bonding hat nicht so richtig stattgefunden. Vorhin fiel das ja auch nochmal in einem anderen Kontext, wie schnell man dann vielleicht auch nochmal den Arbeitgeber wechselt. Weil man ja auch, im wahrsten Sinne des Wortes, anders zusammenwächst digital, als wenn man sich halt eben trifft. Und das hat viel mit uns gemacht, hat auch aufgezeigt, wo man sozusagen nachlegen muss, also was vielleicht auch interne Kommunikation wieder bringt, wie man Transparenz nochmal wieder anders schafft, dass man das mitbekommt, wie es einem geht. Also sowohl zwischenmenschlich als auch, wie geht es der Agentur? Das ist ja auch nicht so unwichtig.
Das heißt, da ist noch eine Sensibilität dazu gekommen, die ich grundsätzlich sehr, sehr gut finde. Und natürlich auch, wie glaube ich bei allen, eine Akzeptanz, dass es halt eben klappt, dass man super digital zusammenarbeiten kann, dass man trotzdem tolle Kreationen auf die Beine stellt oder den Kunden toll beraten kann. Also es war auch ein Kopföffner.
Also die Agentur hat sehr davon gelebt, dass viel vor Ort stattfindet. Und jetzt wünschen sich natürlich auch viele das zurück, andere merken auch eine Attraktivität des Nicht-in-einer-Agentur-Seins. Und da müssen wir jetzt mal gemeinsam schauen, was im Sinne aller die künftig beste Lösung sein wird.
Ja. Matthäus, wie war das bei euch für Claneo?
Das war ein Katalysator. Ich glaube, wir haben uns mehr als verdoppelt von der Teamgröße. Eine Woche vor Lockdown haben wir unser neues Büro unterschrieben, sind dann letztes Jahr im März eingezogen. Also aktuell noch sehr, sehr sporadisch besetzt. Aber wir sagen, das wird eine Begegnungsstätte bleiben und die Leute werden wiederkommen in einem anderen Kontext.
Was vielleicht für uns ganz spannend war: Wir sind ja sehr stark auf Search und organische Suche spezialisiert. Das heißt, viele Unternehmen haben gesagt, oh, verdammt, Corona, wir fahren die Marketingkanäle auf null, wir geben kein Geld mehr aus. Und sie haben gemerkt, oh wow, über SEO kommt ja trotzdem noch Umsatz und Neukunden. Und haben ja auch gesehen, dass teilweise klassische Online-Pure-Player gesagt haben, dann lasst uns doch mehr im SEO machen. Das heißt, das war für uns dadurch ein Katalysator.
Viele B2B-Unternehmen haben gemerkt, verdammt, es gibt keine Messen mehr, wir müssen jetzt auch digitalisieren. Und das ist nicht nur eine Visitenkarte online, sondern wir brauchen irgendwie komplette Lead-Strecken. Wahrscheinlich bei euch ähnlich, dass man sagt, hey, das muss halt ... wir müssen irgendwie Marketing und Sales einhergehen auf der Webseite, da muss es einen Prozess geben.
Ich würde trotzdem sagen, das Miteinander hat mir extrem gefehlt. Deswegen bin ich immer super froh, wieder im Büro zu sein. Ich versuche, wenn ich im Büro bin, gar keine Termine zu machen, sondern einfach nur Kaffee zu trinken, Mittagessen zu essen und abends Bier zu trinken, so gefühlt. Weil einfach, zu Hause kann ich auch telefonieren. Also ich brauche ja nicht ins Büro zu kommen, um irgendwie Calls abzuhalten.
Und was ich glaube, ich auch sehen würde, dass die Akzeptanz von Homeoffice und Produktivität zu Hause viel stärker angenommen wird. Also ich freue mich immer über jeden Konzern, der sagt, oh, Corona ist vorbei, jetzt wieder fünf Tage im Büro. Weil dann weiß ich, okay, spätestens irgendwie nach einem halben Jahr oder wenn nicht direkt werden die Mitarbeiter kündigen und sich umschauen. Und dann haben wir halt wiederum die Chance, vielleicht Talente zu finden. Weil einfach irgendwie der Konzern meint, DAX-Vorstände, irgendwie 60 plus, ja nee, digital arbeiten, das geht nicht zu Hause, die Leute müssen im Büro sitzen. Ist vielleicht ganz gut für uns als Agentur.
Also ich würde sagen, aus der Business-Perspektive eher Vorteile, aus der privaten Perspektive Nachteile eher, dass man irgendwie, also bei Mitarbeitern, dass man eher zu Hause sitzt. Das Soziale verliert. Wir haben auch in der Corona-Zeit eine psychologische Sprechstunde eingeführt bei uns im Team. Personen, die sitzen halt in einem Einzimmerapartment und bewegen sich im Sternkreuz wie beim Basketball zwischen Klo, Kühlschrank, Schlafzimmer und Schreibtisch. Dass man da halt quasi auch was zurückgibt und hilft, den Personen auch diese Zeit zu bewältigen.
Ja, also immer viel auch Kultur, höre ich ja bei euch allen raus. Also einmal, klar, Business Development wirkt sich schon auf die Beziehung zum Kunden aus, aber ihr schaut schon auch alle sehr schnell nach innen auf die Menschen, die mit euch arbeiten. Heiko, wie war es bei Clue One? Was hat Corona bei euch ausgelöst?
Also bei uns waren eigentlich, waren es drei Wirkdimensionen, die Corona gebracht hat. Das eine ist die Marktseite. Da haben wir ähnlich wie bei euch erlebt, dass das Geschäft in der Agentur anstieg, weil tatsächlich Beratungsbedarf war. Oh Gott, wie mache ich denn jetzt digitale Strecken und wie geht das eigentlich alles? Da ist es massiv angestiegen. Das zweite war dann auch in der Unternehmensberatung, dass dort neue, größere Transformationsthemen plötzlich wirklich mal Druck gekriegt haben. Und jetzt nicht mit dem Ansatz, wir brauchen nochmal mehr PowerPoint-Charts, sondern wie geht denn das jetzt plötzlich? Können wir das jetzt machen? Genau.
Und insofern, das hatte zwei Phasen. Also das eine ist, wir haben erwartet, okay, das Geschäft geht runter. Aber das Geschäft ging hoch. Und dann kam Corona in die Phase, wo die Lieferengpässe losgingen. Und dann haben Kunden von uns ihre Budgets runtergefahren, weil sie keine Ware mehr gekriegt haben und dann halt die Bewerbung eingestellt haben. Insofern war das so ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Aber in Summe sind wir sehr positiv, also mit dem Wachstum tatsächlich aus der Phase rausgegangen. Das war die eine Wirkdimension.
Die zweite Wirkdimension ist tatsächlich unser Angebot. Wir haben halt sehr schnell unsere Produkte, im Endeffekt unsere Leistungen, unsere Methoden und so weiter noch mal deutlich schneller digitalisieren müssen. Und haben also im Endeffekt alles, sei es Visionsentwicklungsworkshops, wo man normalerweise an Pinnwänden steht und irgendwo an einem See ist, also sowas haben wir virtuell hinbekommen müssen. Mit ganz vielen Formaten. Also wir haben über 20 Formate digital durchführen müssen. Das war eine Riesenherausforderung. Hat am Anfang auch nicht immer gut geklappt. Aber am Ende waren wir wirklich so, dass wir sagen, wir haben festgestellt, wir können jedes Format wirklich digital durchführen. Alles. Selbst eine Visionsentwicklung mit 60 Mann geht. Ist anstrengend, geht. Aber kommt eine gute Qualität raus.
Das war die zweite Wirkdimension. Die dritte Wirkdimension ist tatsächlich unser Geschäft und unser Team. Weil wir gemerkt haben, super, dass wir so eine Netzwerkstruktur sind. Weil wir es eh gewohnt waren, mir egal, wo die sitzen. Also ich kenne ganz viele tatsächlich persönlich nicht. Und das war für uns, ist schon immer Teil unserer DNA gewesen. Aber das hat das Ganze natürlich nochmal auf ein anderes Level gebracht.
Und so nach einem Jahr merkst du, dir geht die Kultur tatsächlich so ein bisschen flöten. Weil bei allem, wir machen auch Chemistry Meetings und sitzen alle mit einem Glas Wein so vor der Webcam, das ist so überschaubar spannend irgendwann. Und insofern waren wir dann auch tatsächlich alle froh, dass wir wieder kulturphysisches Miteinander in den Laden bekommen haben. Man darf nur bei all dem, also insofern eher positiv, also deutlich positiv, eine Sache nicht vergessen. Das wird bei euch eh nicht gewesen sein. Wir haben halt tote Menschen im Umkreis unserer Kunden und unserer Mitarbeiter gehabt. Und bei all dem fürs Geschäft, was jetzt irgendwie gut war, das ist halt, das darf man bei all dem nicht vergessen. Das ist halt nach wie vor ein unfassbares Leid gewesen, was da einfach auch quer einmal über die ganze Welt gezogen ist und immer noch zieht.
Ja, und es geht da ja gerade weiter. Wir sagen dazu nicht allzu viel, weil wir mitten in dieser aktuellen Krise stecken. Aber wir haben Krieg in Europa. Das ist einfach aufgetaucht. Spürt ihr das, wenn ihr auf euer Business Development schaut? Also macht das schon was mit euren Umsätzen? Oder ist diese ganze Agenturbranche eher unbeteiligt, was das angeht? Kriegt ihr das gar nicht so doll mit?
Beantworte gerne mal.
Bei uns merken wir es. Wir merken es in den performancebasierten Geschäftsmodellen in der Agentur.
Weil?
Ware ausbleibt, Märkte wegbrechen. Da merken wir gerade, dass dort die Chipmangel und Co., das wird halt alles gerade so ein bisschen haariger. Und da gehen die Paid-Budgets gerade nicht nach oben. Im Beratungsgeschäft erleben wir es eigentlich gerade, also spüren wir es noch nicht. Und wir stehen staunend davor und fragen uns, wieso spüren wir es eigentlich noch nicht. Weil unsere Erwartungshaltung eigentlich war, dass da viel massiver eigentlich schon etwas passieren müsste.
Dennis, merkt ihr das?
Ich glaube, wir merken es mehr. Wir merken es mehr in der Stimmung als tatsächlich im operativen Business. Also na klar, wie ihr wahrscheinlich auch. Wir haben so ein, zwei Kunden, die betroffen sind von Lieferengpässen. Und dann wird mal das Timing für eine Kampagne um ein, zwei Monate verschoben und so weiter. Na klar, das spüren wir auch. Aber ich spüre eher so den Drang bei den Leuten, da jetzt was zu tun.
Und diese Krise kam und es war sofort, hey, lass uns doch unsere Kraft, die wir als Kreative da aufbauen können, lass die doch nutzen, um da irgendwo mit anzupacken. Sei es für eine Spendenaktion, sei es für die Vermittlung von neuen Herbergen für Flüchtlinge, die jetzt hierherkommen, oder sei es für auch einfach Freunde der Agentur. Also vorhin in der Pause habe ich eine Nachricht gekriegt von einem ukrainischen Artdirektor, der dringend für irgendwas, was er mir nachher sagen möchte, unsere Unterstützung als Agentur braucht. Das ist der echte Moment, in dem ich spüre, wir müssen da jetzt mit anpacken. Und das ist das, was mich viel, viel mehr beschäftigt als, okay, da ist eine Deadline verschoben. Das ist mir völlig wurscht. Aber welchen langfristigen Impact hat das auf uns? Und zwar auch menschlich. Das finde ich so krass.
Ja. Matthäus, ihr merkt das, glaube ich, auch im Team, ne?
Genau. Also von den Business KPIs spüren wir es aktuell noch nicht. Vielleicht auch, weil wir viel Beratung machen. Aber wir spüren es halt im Team. Wir haben vier Ukrainerinnen bei uns im Team. Zwei sind in Deutschland groß geworden, aber dort geboren. Zwei sind dort geboren, haben dann europaweit studiert. Und haben gesagt, hey, lasst alles stehen und liegen und holt eure Familien her.
Also die eine Kollegin hat ihre Schwester geholt. Die Mutter wollte nicht kommen, weil der Vater zurückbleiben musste. Die andere Kollegin hat ihre zwei jüngeren Brüder geholt mit ihrer Mutter. Wir haben aktuell durch die Corona-Besetzung im Büro relativ viel Platz. Also wir haben einen zweiten Bauabschnitt. Wir haben sie freigegeben, haben da Feldbetten aufgestellt, haben die Leute in Berlin vom Hauptbahnhof geholt und haben gesagt, hey, ihr könnt erstmal übernachten, dann könnt ihr weitergucken, wie ihr weiterzieht. Manche Familien sind irgendwie über Paris nach Barcelona weitergezogen.
Wir haben direkt am ersten Tag eine Geldspende gemacht. Im Namen von jedem Teammitglied haben wir eine bestimmte Summe gespendet. Dann haben wir gesagt, hey, was ist der nächste Schritt? Sachspenden haben wir geguckt, Arbeitsgruppe gegründet, Sachspenden gesammelt. Weil wir einfach gesehen haben, das ist halt vor der Haustür. Also so makaber es ist, alle anderen Kriege waren so weit weg. Und Ukraine ist halt direkt vor der Haustür. Das heißt, es war einfach nochmal ganz anders, wie du es schon sagtest, bei den Menschen, dass die einfach sehen, hey, das ist ja, ich glaube, von der Entfernung genauso weit entfernt wie Rom oder Madrid, irgendwie von dem Radius her. Das heißt, das passiert hier. Und wir wollten halt dem Team die Möglichkeiten geben, die sie brauchen, um zu helfen. Und so wie sie helfen wollen, so viel Zeit können sie sich nehmen.
Dann haben wir halt gesagt, okay, dann muss jetzt irgendwie das Business zwar trotzdem weiterlaufen, aber irgendwie in einem Kontext, wo halt auch Hilfe möglich ist. Und dadurch, dass wir komplett inhabergeführt sind und halt nicht so starke Wachstumsziele haben, konnten wir auch sagen, okay, wenn wir zwei Monate mal irgendwie eine rote Zahl haben am Ende des Monats, dann ist es halt so. Aber wir konnten halt was zurückgeben als Gesellschaft, als Team, als Claneo.
Und das war für uns extrem wichtig.
Also schon auch die Luxussituation, so stabil zu sein, dass ihr wirklich helfen konntet.
Ja, auf jeden Fall.
Okay, wir atmen mal ganz kurz durch. Das ist wirklich ein sehr krasses Thema, sehr nahes Thema. Es gibt noch eine weitere große Krise, die schon seit Jahren total aktuell ist, die durch Fridays for Future immer aktueller gehalten wird und wieder aufs Tablett kommt. Wir reden über die Klimakrise. Und auch das betrifft uns ja mittlerweile alle in unserem Alltag. Und wir müssen alle damit umgehen und da was tun.
Chris, ich würde mal bei dir anfangen, weil ihr mit der Hirschen Group da viel macht und viel vorhabt. Wie reagiert ihr auf dieses Thema Klimakrise?
Ja, also erstens geht es uns ja alle an. Und da gibt es ein sehr, sehr großes Engagement. Da geht es darum, eine nachhaltige Zertifizierung zu bekommen. Die ist jetzt auch gerade da. Das ist eine EMAS-Zertifizierung. Das ist ein ziemlich strenger Weg, um das auch überhaupt zu kriegen. Und dann ist es wieder gut, um da nochmal darauf zurückzukommen, in einem Netzwerk zu sein. Wenn die Group dann im Prinzip sowas macht, im Prinzip diese Wege auch schon bestritten hat, dass man dann als Agentur sich entscheiden kann, wir können da mitmachen. Wir können auch durch diese Prozesse dieses Zertifikat erlangen.
Was bedeutet das? Was ist das für ein Aufwand? Das heißt, da gibt es ja im Prinzip dann schon gewisse Vorfilter. Und das ist natürlich total attraktiv, als wenn sich eine Agentur in unserer Größenordnung damit auseinandersetzen muss. Das bindet ja auch Kapazitäten. So wichtig es ist, aber trotzdem muss man ja überlegen, dass es Kapazitäten bündelt. Und was heißt das auch konkret? In welche Bereiche greift das ein? Also das ist Reisen und das ist irgendwie, es fängt ja beim Thema Strom an und so. Das ist dann halt eben nicht nur das Öko-Kopierpapier, sondern das ist halt sehr, sehr komplex. Und wahrscheinlich vergesse ich jetzt auch 27 sehr, sehr wichtige Punkte, die ich sagen müsste. Und das wird gerade sozusagen mehr oder weniger ausgerollt.
Und wir merken, es ist wichtig. Also man merkt es in den Pitches, was wird da nachgefragt. Das sind nicht immer nur so die Prozesse, sondern welche Zertifikate können sie vorweisen? Dann, finde ich, betrifft es jeden Einzelnen. Dann ist es so, wir sind ja auch sehr divers, was unsere Alltagsstruktur angeht. Das heißt auch gerade bei jüngeren Menschen oder in Bewerbungssituationen merken wir, dass es auch nachgefragt wird. Und ich finde das sehr, sehr gut. Und es ist ein großes Thema. Es beschäftigt uns. Und wir stellen definitiv Kapazitäten. Also es gibt eine Kollegin, die sich darum kümmert. Das sind mehrere Stunden, auch die Woche, um so einen Prozess auch durchlaufen zu können. Und das wollen wir auf jeden Fall machen. Und merken auch in der Kommunikation intern, dass es auf positives Feedback stößt. Weil, wie gesagt, es ist ja sehr wichtig. Und da ist, auch wenn wir heute über Business Development sprechen, klar, da gibt es einen Anknüpfungspunkt. Aber ich finde, dieses Thema fängt ja viel früher an. Das Thema Werte, das Thema Verantwortung, wofür steht man und in was für einer Welt will man leben?
Ja. Dennis, ihr nennt euch Werteagentur. Ist das ein Teil davon?
Es ist absolut ein Teil davon. Und wir wollen unsere Kraft als Agentur auch dafür nutzen, um dafür ein Bewusstsein zu schaffen. Weil wir leben ja jetzt in einer Zeit, in der Nachhaltigkeit der neue Mainstream ist. Überall steht drauf nachhaltig. Überall sind 80 Zertifikate drauf. Und du hast keine Ahnung mehr, was das überhaupt alles bedeutet.
Ich mache mal ein Beispiel. Nachhaltig angebauter Kaffee, das Fairtrade-Label. Das kriegst du, wenn 3,7 Prozent des Kaffees nachhaltig angebaut sind. Und dann gibt es aber andere Kaffeemarken, echte, nachhaltig angebaute Kaffeemarken mit 100 Prozent. Das heißt, die Spanne der Nachhaltigkeit ist von lächerlichen 3,7 bis 100 Prozent. Und ich glaube, da müssen wir als Gesellschaft aufpassen, dass wir das Ganze nicht zu einem Witz verkommen lassen. Und da müssen wir alle als Kommunikationsagenturen, als Menschen, die Botschaften vermitteln müssen, wirklich darauf achten, das gut den Menschen beizubringen. Was bedeutet Nachhaltigkeit wirklich? Wer ist nachhaltig wirklich? Was genau steckt überhaupt hinter dem Wort? Und das ist ein Job. Das ist wirklich eine Aufgabe.
Ihr leitet Agenturen oder arbeitet in Führungspositionen in Agenturen. Deswegen die Abschlussrunde für diese Episode und auch für diese Staffel. Wie mache ich denn so eine Agentur möglichst krisensicher? Und auch das kurz und auf den Punkt. Also so ein, zwei Dinge, die ihr wichtig findet. Heiko, fängst du an?
Kurze Zyklen in der Planung. Also keine Jahresplanung, kein gar nichts. Sehr, sehr viel Team. Also sehr viel miteinander sprechen. Und ich bin ein großer Freund von dezentralen Strukturen und von Netzwerkstrukturen. Antifragil musst du werden. Und das heißt, guck genau, welche Ressourcen du dir wirklich ins Haus holst und welche nicht. Weil morgen, wenn der Kunde morgen weg ist und du musst 60 Leute rausschmeißen, ist das wirklich das richtige Modell?
Bei uns wäre das der finanzielle Puffer. Also genug liquide Mittel zu haben, um eben, wenn es zur Krise kommt und alle Kunden abspringen sollten, trotzdem halt das ganze Team noch zahlen zu können.
Ich würde das übersetzen im Sinne von eine gute, stabile Kundenstruktur. Also nicht den Mega-einen-Kunden, der alle ernährt und wenn der nämlich weg ist, dann können es sozusagen die zwei, drei anderen nicht kompensieren. Also wirklich die Durchmischung, die Größenordnung der Etats. Und plus natürlich die Kollegen- und Mitarbeiterpflege, das Miteinander. Weil ohne die sind wir alle gar nichts.
Dennis?
Der feste Glaube an die Kreativität. Weil Krisenzeiten sind immer Kreativitätszeiten. Es gibt in der Krise immer Wege raus. Und dafür braucht man Kreativität.
Wie immer haben wir super spannende Insights erhalten. Danke dafür. Und obwohl der Fokus thematisch noch auf der Pandemie lag, können wir in meinen Augen viel für Krisen im Allgemeinen aus dem Gespräch ziehen.
Das sehe ich genauso. Denn im Grunde geht es darum, wie anpassungsfähig Agentur-Infrastrukturen sind. Aber genauso, wie das Team als solches mit Veränderungen und auch erschwerten Phasen umgeht.
Und mit diesem Thema schließen wir unser Gespräch zu viert ab und bedanken uns in diesem Zuge nochmal ganz herzlich bei unseren Gästen für die Gespräche rund um Pitches, Positionierung, Vermarktung, Kunden und schlussendlich den Krisenmodus. Besser hätten wir unseren Agency-Life-Podcast nicht starten können. Und wir sind ja zum Glück noch lange nicht am Ende.
Von der großen Runde wechseln wir ab nächster Woche in die Fokus Talks und schnappen uns hierfür Persönlichkeiten aus der Agenturszene. Wir gehen in die Tiefe, sprechen über eine Folge hinweg über die Entwicklung der jeweiligen Agentur. Besonders freuen wir uns, dass in der nächsten Folge auch eine neue Branche mit ins Spiel kommt. Und ich denke, so viel können wir schon mal verraten: Es wird eventreich.
In diesem Sinne hören wir uns wieder nächste Woche. Bis dahin lohnt sich ein Blick in unsere vergangenen Folgen. Und auch wie gewohnt freuen wir uns über euer Feedback, Bewertungen auf den jeweiligen Streaming-Kanälen und neue Impulse zu Themen, aber auch Gästen, die unbedingt bei uns zu Gast sein sollten.